| Armut und Reichtum liegen im indischen Neu-Delhi dicht beieinander.
Die Armut trifft jene Menschen am meisten, die besonders unschuldig sind:
die Kinder. Sie werden von ihren Eltern zum Betteln auf die Straße geschickt, bekommen oft wenig oder gar nichts zu essen. Kaum eines dieser Kinder geht in die Schule oder erhält irgendeine medizinische Versorgung.
Im Jahre 2002 begegnete ein Schneider namens Kuku Arora auf dem Weg zu seiner Arbeit jeden Morgen einem kleinen Mädchen namens Roshni. Sie war damals etwa 2 Jahre alt, wirkte völlig verwahrlost und besaß nur eine Hand.
Kuku und seine Frau Priti begannen, dem Kind jeden Tag eine Kleinigkeit zu essen mitzubringen, doch eines Morgens war sie verschwunden. Das Ehepaar vermisste das Mädchen und fing an, nach ihr zu suchen. Nach einer Weile fanden sie Roshni bettelnd an einer sehr großen, stark befahrenen Straße. Wie gesagt: sie war ungefähr 2 Jahre alt!
Herr und Frau Arora entschlossen sich kurzerhand zu helfen. Sie suchten ihre Eltern auf und schlugen vor, ihnen das Kind tagsüber anzuvertrauen. Sie würden Roshni zu essen geben, sie pflegen und Bildung zukommen lassen. Da ihre Eltern auf der Straße lebten und eine größere Diskussion zwischen den Eltern und dem Ehepaar stattfand, versammelten sich immer mehr Kinder um sie herum, die aufmerksam zuhörten und mit großen Augen fragten, ob sie denn auch kommen dürften.
So entstand im Jahre 2002 die wunderbare Idee, den Kindern von der Straße eine
sichere und glückliche Kindheit zu schenken. Kuku und Priti Arora starteten
bereits am nächsten Tag mit 17 Kindern! Sie gaben dieser schönen Aufgabe den
Namen "Sunshine Project".
Sie mieteten einen Raum, der heute wie ein Hort zu verstehen ist. Abgesehen von
den Stunden in der Schule befinden sich die Kinder hier von 9:00 bis 18:00 Uhr.
Sie werden unterrichtet, es wird gespielt, getanzt, sie gehen gemeinsam in den Park oder sie schauen sogar mal gemeinsam Fernsehen. Kuku und Priti Arora geben ihnen alles, was zu einer "normalen" Kindheit gehört. 
Vier verschiedene Hauslehrer schulen und unterstützen die Kinder individuell,
damit sie ihrem Alter entsprechend bald möglichst in eine öffentliche Schule eingeschult werden können. Aufgrund der teils starken Altersunterschiede der Kinder kann man kaum Gruppenunterricht anbieten – somit werden hier mehrere Lehrer benötigt. Zudem werden die Kinder in englisch unterrichtet, was ihnen eine bessere Chance auf Arbeit in ihrem späteren Leben einräumt.
Außerdem gibt es zwei Betreuerinnen, die sich unter anderem um die hygienische Versorgung der Kinder kümmern. Dinge wie waschen, Zähne putzen, Fingernägel schneiden oder Haare frisieren erscheinen uns so selbstverständlich, weil wir sie von klein auf durch unsere Eltern vorgelebt und beigebracht bekommen haben. Hier müssen sie von Grund auf erlernt werden. Die meisten Kinder hatten beispielsweise anfangs Angst vor Wasser. Ihre Eltern wuschen sie mit Absicht nicht, damit sie zum Betteln noch verwahrloster und somit noch Mitleid erhaschender aussahen. Kuku stattete alle Kinder mit Zahnbürsten aus und erklärte ihnen, dass dies etwas sei, was nur ihnen gehörte und sie es nicht teilen sollten.
Daraufhin hörte er von manchen Eltern, dass sich die Kinder mit ihrer Zahnbürste im Arm zum Schlafen legten, weil sie so glücklich waren, zum ersten Mal in ihrem Leben selbst etwas zu besitzen...
Aber diese Kinder erhalten nicht nur Bildung und eine Unterkunft mit Essen, sondern auch liebevolle und menschliche Zuwendung, sowie seelische Unterstützung durch Kuku und seine Frau, die zum Beispiel die Eltern der Kinder durch lange Gespräche von Missbrauch abhalten oder alles dafür tun, um zum Beispiel auch Familien zusammenzuführen.
Die Kinder erleben und erlernen, was es heißt, füreinander da zu sein;
die "Neuzugänge" werden auch von den "älteren" Kindern eingewiesen, so dass sie lernen, Verantwortung zu übernehmen; etwas, was sie zuhause nie erfahren haben.
 Kuku vereint in seinem Haus alle Glaubensrichtungen - hier finden Kinder hinduistischen, moslemischen und christlichen Glaubens Unterschlupf. Ein moslemischer Vater wollte sein hochbegabtes Kind durch Kuku nicht zu einer besonders qualifizierten Schule schicken lassen, da er meinte, wenn Allah das gewollt hätte, so wäre das Kind als Junge in eine reiche Familie geboren worden. Kuku – als Hindu!– antwortete: wenn Allah Dein Kind nicht zu dieser Schule hätte schicken wollen, warum hat er dann mich zu Dir geschickt? Der Vater stimmte daraufhin zu...
Die Schulgebühren sind nicht sehr hoch in Indien. Um alle Kinder in die Schule
schicken zu können, muß Kuku einen Betrag von 100 Euro monatlich investieren.
Doch es sind andere schulische Dinge, die für ihn kaum noch finanzierbar sind:
Leider obliegt das indische Schulsystem (trotz der Armut!) der Schuluniformpflicht.
Kuku schaffte es dennoch, alle Kinder mit Uniformen auszustatten. Dies
beinhaltete nicht nur das Nähen der Uniform (was an sich schon einen Kampf
bedeutete, da die Schulen ihre eigenen Kassen durch den Verkauf der Uniformen
füllen wollten), sondern auch das Kaufen von Krawatten, Gürteln und schwarzen
Schuhen. Außerdem müssen Schreibwaren und Bücher angeschafft werden.
Alleine hierfür werden monatlich 150 Euro veranschlagt. Hinzu kommen kosten
für den Hin- und Rücktransport zur Schule bzw. zum Hort usw.
Medizinische Hilfe wird den Kindern nur in Notfällen zuteil. Es fehlen die finanziellen Mittel, um den Kindern die notwendigen Impfungen prophylaktisch zu verabreichen.
Im Winter zittern Kuku und seine Frau um die Gesundheit jedes Kindes, denn es
wird kalt in Delhi und die Kinder besitzen kaum oder gar keine warme Kleidung.
Für Matratzen, auf denen sie warm gebettet wären, fehlt ebenso das Geld, aber
auch der Platz in ihren sehr kleinen Unterkünften. Es erklärt sich von selbst, dass diese Familien keinen Strom und somit auch keine Heizungen haben - und das bei ca. 3 Grad Celsius in der Nacht!
Kuku kämpft darum, den Kindern einmal am Tag ein Essen zu ermöglichen. Leider
sind die finanziellen Mittel oft schon so erschöpft, dass die Kinder bereits
mit 3 Keksen und einer Banane am Tag zufrieden sein müssen...
Aber er kämpft hart und arbeitet viel, um den Kindern die bestmögliche Versorgung
schenken zu können. Daß seine eigene Familie hierfür auf einige
"Bequemlichkeiten" verzichten muß, nehmen Kuku, seine Frau Priti und ihre eigenen 2 Kinder in Kauf.
Es gab immer wieder Ereignisse, bei denen Kuku glaubte, es finanziell und seelisch
nicht mehr zu verkraften. So zum Beispiel bei der 13-jährigen Ravita, die dadurch
auffiel, dass sie in der Schule nachließ. Es stellte sich heraus, dass das Mädchen mit den Augen Probleme hatte und nicht gut sehen konnte. Sie gingen
also zum Optiker, der bei der kleinen Ravita – 5,5 Dioptrin feststellte!
Ohne darüber nachzudenken, versprach Kuku dem Kind sofort eine Brille und bestellte sie. Die Brille sollte 2 Tage später abgeholt werden. Erst als Kuku den Betrag erfuhr, durchfuhr ihn der Schreck und die Gewissheit, dass er dieses Geld nirgendwo auftreiben könnte. Es ging dabei um 2.000 Rupies - dies entspricht in etwa 30 Euro! Soviel Geld hatte er nicht mehr! Er traute sich nicht, dem Mädchen die Wahrheit zu sagen, rief aber bei seiner Frau an und sagte ihr, sie müssten das ganze Projekt stoppen. Es würde immer wieder Situationen geben, in denen sie die Kinder enttäuschen müssten und er glaubte nicht, dies seelisch zu schaffen. Seine Frau riet ihm, erst einmal nach Hause zu kommen. Irgendwie würden sie einen Weg gemeinsam finden. Letztlich liehen sie das Geld von der Schwiegermutter und kauften die Brille, wollten das Sunshine-Projekt jedoch aufgeben. Bis etwas Wunderschönes geschah: Ravita setzte die Brille auf, fing an zu lächeln und sagte Kuku, wie schön es sei, ihn endlich auch sehen zu können... Da schmolz sein Herz und es gab ihm soviel Kraft, um weiter kämpfen zu können.
Heute beherbergt das Projekt 110 Kinder. Angesichts der Größe Indiens mag es
vielleicht wie ein Tropfen auf dem heißen Stein erscheinen, aber wer diesen Kindern einmal in die glücklichen Augen geschaut hat, wird dies als einen besonderen Moment in seiner Seele tragen und sich immer liebevoll daran erinnern.
Das Sunshine Project soll helfen, die Kluft zwischen Notleidenden und der Gesell -
schaft zu überbrücken und den Kindern eine würdevolle und glückliche Kindheit
zu schenken. Und diese Kinder sind voller Dankbarkeit und Freude, dass sie Hilfe
erhalten haben. Die Momente mit ihnen und ihre Schicksale berühren tief
und erinnern einen daran, dass sich die Welt nicht immer nur um einen selbst dreht.
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